Open-Source-Software für die Bildung

Von der Wichtigkeit Freier Software im Bildungsbereich

26.05.2020“Microsoft erobert die Schulen” titelte die TAZ am 17. Mai.
Im Zuge des aktuellen enormen Digitalisierungsschubs der Gesellschaft wird nicht selten zu den großen Namen der Industrie gegriffen, da diese mit gutem Marketing schnelle Lösungen für akute Probleme präsentieren.  Gerade das Bildungssystem ist einer der zentralen Schauplätze dieses Prozesses. Doch was wären Alternativen und braucht man diese überhaupt, wenn doch Microsoft und Co. scheinbar alle nötigen Programme anbieten? 

Software steuert ganz selbstverständlich  unzählige Details in unserem Alltag. Dabei wird oft vergessen, was Software bedeutet: Menschen schreiben Befehle auf, die dann von einem Computer umgesetzt werden. Aus diesem Blickwinkel wird klar: je abhängiger die Gesellschaft von Software wird, umso wichtiger ist die Frage, wer eigentlich die Befehle für die Maschine schreibt – ganz besonders in einem so sensiblen Bereich wie der Bildung.

Proprietäre vs. Freie Software

Neben der klassischen Frage der IT-Sicherheit steht hier die nach Lizenzen weit oben. Dabei kann man grundsätzlich unterscheiden zwischen „proprietärer Software“ und „Freier Software“, oft auch „Open-Source-Software“ genannt.
In den Anfängen der Softwareentwicklung war alle Software frei: Quellcode konnte von allen eingesehen, verändert und weitergegeben werden. Erst im Laufe der Zeit entwickelte sich das Geschäftsmodell proprietärer Software: Nutzungsrechte künstlich zu verknappen und an Geldzahlungen zu binden. Das Einsehen des Quellcodes und die Weitergabe von veränderten Versionen wird dabei technisch und juristisch verhindert.

Teil dieser aus Unternehmenssicht erfolgreichen Strategie ist offensives Marketing und frühe Kundenbindung. Und genau dafür ist das Bildungssystem prädestiniert. Schon mit vergleichsweise wenig Verständnis von Wirtschaft lässt sich verstehen, dass die Motivation hinter Microsoft Teams , Google-Classroom und ähnlichen Software-Lösungen nicht in erster Linie ein am Gemeinwohl orientierter Beitrag zum Bildungssystem ist, sondern dass es sich hierbei um die Verfolgung kommerzieller Interessen und die Investition in Zielgruppen handelt.

Gibt es eine Alternative?

Ob die Gesellschaft den wachsenden Einfluss solcher multinationaler Unternehmungen als wünschenswert erachtet, sollte zumindest transparent diskutiert werden.

Wesentlicher Baustein einer solchen Diskussion ist der Blick auf die Alternative: Freie Software. Diese zeichnet sich durch die “vier Freiheiten“ freier Lizenzen aus: 1. das uneingeschränkte Verwenden, 2. das Verstehen (durch zugänglichen Quellcode), 3. das Verändern, d.h. die Anpassung an eigenen Bedürfnisse und 4. das Verbreiten – mit oder ohne Änderungen.

Für die meisten proprietären Software-Produkte gibt es gute freie Alternativen – teils von Stiftungen oder Forschungseinrichtungen entwickelt, teils als ehrenamtliche Projekte, teils auch im Rahmen eines kommerziellen Geschäftsmodells. Die Produkte sind da, aber die Marketingabteilung fehlt häufig, weswegen ihre Bekanntheit und Verbreitung oft deutlich hinter proprietären Produkten zurückliegt.

Erfahrungen nutzen

Speziell vor dem Hintergrund und Anspruch von „Freier Bildung“ in Zeiten zunehmender Digitalisierung sollte das Thema „Freie Software“ also eine wichtige Rolle spielen. Die Erfahrung der Free-Software-Community und die bereits vorhandenen Werkzeuge für überregionales, asynchrones, kollaboratives Arbeiten (z.B. Nextcloud, BigBlueButton) bieten einen wertvollen Schatz, von dem im Bildungsbereich bisher sehr wenig genutzt wird. Gleiches gilt für die schon existierenden bildungsbezogenen Lösungen – vom spielerischen Lernprogramm für Grundschulinhalte (z.B. gbrainy, Stellarium) über Simulationssoftware für Sekundarstufe und Hochschule (z.B. Geogebra, Jupyter) sowie freie Layout- und Grafikprogramme (z.B. LibreOffice, LaTeX, Gimp) bis hin zu fertigen Lösungen zur Verwaltung eines ganzen Schulnetzwerkes (z.B. Debian Edu / Skolelinux).

Im Gegenzug würde die Bewegung, die sich seit Jahrzehnten für mehr freie Software einsetzt, von einer stärkeren Präsenz im Bildungssystem ebenfalls enorm profitieren. Initiativen wie etwa Public Money, Public Code oder Öffentliches Geld – Öffentliches Gut fordern dass mit öffentlichem Geld entwickelte Software und Bildungsinhalte auch öffentlich verfügbar sein müssen. Die lohnenswerte Aufgabe wird sein, das Bewusstsein für freie Lösungen weiter zu stärken.

Zu den Autoren: Norman und Carsten engagieren sich in der Hochschulgruppe Freie Software – Freies Wissen (TU Dresden) für die Heranführung an und Verbreitung von Freier Software im Bildungsbereich
Beitragsbild: Johannes Spielhagen / CC BY-SA 3.0