Qualifizierte Freie Lerninhalte (OER) für den digitalen Bildungsraum

Überholt ist heute die Generalkritik an freien Lerninhalten (Open Educational Ressources)  – „OER seien nicht qualitätsgesichert und unsicher“. Spätestens die Corona-Krise hat gezeigt, dass Qualitätssicherungsmodelle für Freie Lerninhalte funktionieren und gemeinsam ausgebaut und in entstehende vernetzte Bildungsräume integriert werden sollten. 

„Wir gemeinsam“ ist die Lösung, um im schnell wachsenden Meer nutzergenerierter Inhalte und neuer digitaler Lehr-/Lernmethoden das Beste zu sammeln und einzusortieren. Für diese gemeinsame Arbeit braucht es ein gemeinsames Ordnungssystem, welches Menschen das Wiederfinden und Maschinen intelligentes Vorschlagen ermöglicht. Die von WirLernenOnline aus verschiedenen Projekten zusammengestellten Softwarebausteine sollten feste Knoten in einem Bildungsnetzwerk werden. Denn so ein Bildungsraum vernetzt vorhandene Lernplattformen in Bildungseinrichtungen und im freien Internet, also die Orte, wo Lerninhalte und neue digitale Lehr-Lernmethoden entstehen. Soweit möglich sollten Maschinen das Sammeln, bewerten und einsortieren unterstützen. Parallel braucht es ausgebildete Fachredaktionen, die über alle Community- und Bildungsbereiche Expertisen bündelt. Und es braucht gemeinsame Qualitätskriterien und Regularien, die für einen digitalen vernetzten Bildungsraum weiterentwickelt und an einzelne Bildungsbereiche angepasst werden müssen.  

Die Mehrzahl der Lerninhalte und neue Unterrichts- und Lernmethoden entstehen künftig nicht mehr in kommerziellen Fabriken, sondern in den Lernplattformen und Internetprotalen, also an den Lern- und Arbeitsorten von Lehrenden und Lernenden. Diese digitalen Orte wurden in der Vergangenheit zaghaft vernetzt, u.a. weil dies komplex und kostenspielig ist. Ein Vernetzungsschub kann die  Initiative #DigitaleBildung bewirken. Neben einem zentralen Login, um auf Bildungsangebote über den gesamten Lebenszyklus zugreifen zu können, braucht es Funktionen zum Auffinden qualifizierter Inhalte. Künftig wird es immer weniger um Suchen und Finden gehen, sondern immer mehr um passende Empfehlungen, also um Vorschläge für die aktuelle Lehr- oder Lernsituation.
Um dies zu erreichen wurden in WirLernenOnline gemeinsam die dafür grundlegenden 3 Schritte angegangen:

  1. Inhalte an den Entstehungsorten einsammeln
  2. Inhalte kuratieren (Qualität sichern)
  3. Inhalte in einem für Mensch und Maschine verständlichem Ordnungssystem bereitstellen 

Auf der entstandenen Lösung aufsetzen können nun Funktionen, die geeignete Inhalte vorschlagen nachdem sie Lehr- / Lernsituation, Vorkenntnisse und  Vorlieben analysiert haben. Hierzu entwickeln parallele Projekte derzeit passende Lösungen, die in einem digitalen Bildungsraum miteinander zu kombinieren sind. 

Doch wie funktioniert das OER-Qualitätssicherungsmodell von WirLernenOnline.de, dass 2020 aufgebaut wurde und derzeit weiterentwickelt wird?

Zuerst einmal durch Kooperation, indem viele bestehende Lösungsbausteine und Konzepte in kurzer Zeit ausgewählt, zusammengebracht und angepasst wurden. Als Schulterschluss der Open Education und Open Source Gemeinschaft, also Expert:innen für digitale offene Bildung und IT-Fachleute, die freie Softwarelösung zusammengestellen und stetig verbessern. Die Aufgaben und Lösungsbausteine in einem Bildungsraum sind so zahlreich, dass ein Zusammenlegen der spezialisierten Lösungsbausteine und konzertiertes Weiterentwickeln bei den jeweiligen Herstellern zum Grundprinzip werden muss. Nötig sind  Erfahrung im Community-Management und in den spezialisierten IT-Wissensgebieten.

Bei WirLernenOnline wird Lehrerfahrung kombiniert mit Maschinenkraft und künstlicher Intelligenz: IT-Fachleute stellen Softwarelösungen, die Qualitätseigenschaften bestmöglich automatisch prüfen. Damit werden Fachredaktionen unterstützt, die je Unterrichtsfach gute OER sammeln und kuratieren. 

Die gemeinsame Ordnungsbasis ist eine Art Bibliotheksregal für Lehrplanthemen. Die Regalstruktur wurde von erfahrenen Lehrenden entwickelt. Die ersten Unterrichtsfächer wurden 2020 von Fachredaktionen in Lehrplanthemen unterteilt. Jedes Regalfach (Lehrplanthema) wurde mit geeigneten Schlagworten beschrieben. Diese Schlagworte dienen dazu, die Maschinen anzulernen (sogenannte ETL-Prozesse und Methoden der Künstlichen Intelligenz). Dieses Vorgehen löste einen bisherige Blockierung – einen Deadlock – auf. Denn es gab bisher nicht genügend gut verschlagwortete Lerninhalte, um Maschinen die Einsortier-Regeln beizubringen. Nun suchen WLO-Maschinen mittels der von Fachredaktionen definierten Schlagworte nach passenden Lerninhalten und sortieren diese vorschlagsweise in das Regal. 

Ein durchdachter Prozess ist die Grundlage für das erfolgreiche Qualitätssicherungsmodell

  • Maschinen durchsuchen nicht das komplette Internet, sondern nur auf Webseiten und in Datenbanken, die von einem fachkundigen Menschen als geeignete Quelle vorgeschlagen wurden.
  • Mitmachen ist erwünscht! Vorschlagen können alle Internetnutzer:innen auf der WirLernenOnline.de Webseite.
  • Der Vorschlag, ob von Mensch oder Maschine, landet bei einer der bisher 20 Fachredaktionen – im August 2021 werden es 30 sein. Die Fachredaktion prüft, ob die Quelle oder der Inhalt für digital gestützten Unterricht geeignet ist und schaltet ihn dann frei. Damit erscheint der Inhalt in einer der über 2.000 Lehrplanthemenseiten und wird von der Suchmaschine als redaktionell empfohlener Inhalt gefunden.
  • Eine Quelle braucht  vor ihrer maschinellen Erschließung außerdem das „Go“ einer zentralen Inhalteredaktion. Hier werden Quellen aussortiert, die sich bspw. nicht an Datenschutz- oder andere Standards halten. Die Qualitätsstandards legten die Redaktionen in einem Redaktionsstatut und in Qualitätskriterien fest. An den Qualitätsstandards und Prozessen wirkten Bibliotheksfachleute, bspw. der Deutschen digitalen Bibliothek, Fachleute von Bildungsservern und pädagogischen Landesinstituten mit.
  • Die WirLernenOnline Suchmaschine findet 170.000 Inhalte und in den Fachprotalen gibt es über 10.000 qualitätsgesicherte Inhalte. Nach der maschinellen Prüfung (hier wird zum Beispiel nach automatisch erkennbaren Datenschutzverstößen gefahndet), kommen die Inhalte einer Quelle in einen stichprobenartigen redaktionellen Sichtungsprozess. Dadurch landet in der Suchmaschine zwar auch mal ein nicht ganz passender Inhalt – bspw. ein Inhalt, der von seiner Autor:in in dem gut befundenen Portal noch nicht ganz fertiggestellt wurde. Aber jede/r WirLernenOnline-Nutzende kann diesen Inhalt melden und beseitigen lassen. Das begehrte Label in den Suchergebnissen “von der Redaktion empfohlen” erhalten jedoch nur einzeln geprüfte Inhalte und nur diese kommen in die redaktionell gepflegten Fachportale und Themenseiten.
  • So entsteht sukzessive ein gemeinsames zwischen Mensch und Maschine gepflegtes Regal qualitätsgesicherter OER. Damit nicht jedes Projekt und jeder Bildungsbereich sein eigenes womöglich untereinander unkompatibles Regal aufbaut, braucht es Kooperation und gemeinsame Standards. Daher arbeiten unsere Metadaten-Expert:innen gemeinsam mit denen aus dem Hochschul-, Bibliotheks- und Schulbereich in Standardisierungsgremien und empfehlen beim Aufbau digitaler Bildungsräume Fachredaktionen und Ordnungsstrukturen gemeinsam aufzubauen.

Über WirLernenOnline: Um für Homeschooling schnell geeignete digitale Lerninhalte zusammenzustellen, entstand im Frühjahr 2020 unter dem Namen WirLernenOnline – zuerst ein gemeinschaftlich-gesellschaftliches Engagement der Bildungscommunity, später eine vom Bundesministerium für Forschung und Bildung finanzierte Corona-Soforthilfemaßnahme.
Entstanden ist aber viel mehr: ein community-basiertes Modell der Qualitätssicherung für Freie Lerninhalte (OER) – zwischen maschineller Erschließung, künstlicher Intelligenz und erfahrenen Fachredaktionen. WirLernenOnline basiert auf über 10 Jahren Erfahrung beim Aufbau vernetzter “Content”-Lösungen. Zum Beispiel begründete sich 2010 aus der FernUniversität in Hagen das edu-sharing Anwendernetzwerk, wo heute in mehr als 10 Bundesländern zentrale Open Source Content-Lösungen betrieben und gemeinschaftlich weiterentwickelt werden. Im Projekt JOINTLY bündelten IT- und OER-Fachleute ihre Ideen, um Konzepte und Prototypen für OER in vernetzten Bildungsclouds zu entwickeln.
WirLernenOnline baute auf diesen und weiteren Aktivitäten auf. Das Projekt wird gemeinsam zwischen dem edu-sharing NETWORK e. V., Wikimedia Deutschland e. V. und dem HPI Schulcloud Projekt des Hasso Plattner Instituts organisiert. Beteiligt sind zahlreiche Communitymitglieder und Akteure im Bildungs- und Bibliotheksbereich.

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